Ich habe Angst vor meinem Garten.

Ja, nein, ok: Angst ist vielleicht ein klein wenig übertrieben. Aber es ist auf alle Fälle Respekt so mächtig wie eine alte Eiche. Hier wächst es nicht einfach, sondern mir über den Kopf: Der Garten wuchert! Die Spitzen der Kirschbaumzweige reichen mittlerweile bis in die Mitte des Gartens und hinten im wilden Eck sind die Zwetschken- und Blutbuchenäste so weit, ihr erstes Aufeinandertreffen zu feiern. Über all dem thront im Zentrum des Gartens der riesige Holler. Seine gerade reich tragenden Äste ergießen sich über das Grün rundum und der Duft ihrer Blüten lullt mich ein – mir scheint, ich höre ein triumphierendes Lachen? Ja, zurückgeschnitten habe ich ihn, aber zwei Jahre später hat er seine majestätische Größe wieder erreicht.

Manche sagen, in unserem wilden Eck ist’s finster. Ich sage, es ist schattig wie im Wald.

Apropos Holunder: Ich muss mir eine Schneise zu unserem anderen Hollerbaum schlagen. Während ich also die Brennnesselfelder, die ihn umzingeln, mit einer in diesem stechenden Dickicht lieblich anmutenden Grasschere rode, wünsche ich mir eine Machete. Doch hätte ich mit groberem Werkzeug entdeckt, dass ein Falscher Jasmin zwischen den bodennächsten Ästen der Tamariske aufgegangen ist? Wie schön! Sieht gut aus. Lass ich. Auch etwas „Unkraut“ lasse ich. Die Karde, die wie ein mächtiger Speer aus dem Boden schießt, finde ich genauso schön wie die Mini-Regenschirm-großen Blätter, die gleich daneben aus dem Boden sprudeln – eine Quelle, in deren Mitte bald die Blüte – eine Distel – auftauchen wird. Neugierig hebe ich eine der Blätschen, um zu sehen, was für ein Mikrokosmos sich darunter verbirgt. Ach, da habe ich eine Hälfte der geteilten Gräser hingesetzt!

Hauserl mit Garten: besonnte Waldmarbel, speerspitzenförmige Kardenblätter und blühender Storchschnabel.

Und das ist dann der Moment, in dem ich vor Ehrfurcht erzittere wie Espenlaub, weil ich das Gefühl habe, all dem Grün nicht Herr zu werden. Wie eine Schlingpflanze wächst die Panik aus dem Boden, umschlingt mich boa-constrictor-mäßig und nimmt mir alle Energie. Nach dem Auffressen spuckt sie meine unverdaulichen Reste verächtlich aus und düngt mit meinem letzten Rest den Boden. Bin ich doch noch zu etwas gut. Kurz sehne ich mich nach dem gartenarbeitslosen Winter. Bis ich durchatme und mich daran erinnere, dass hier eben die Pflanzen herrschen und das gut so ist. Ich bin ihre ergebene Dienerin, die wissen sollte: Ein Garten ist niemals fertig.

Und da ist das Schöne daran, nicht wahr?

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